Das Titelbild zeigt Gustl Laxganger, bei einem Adventsingen in Altötting lesend, und erst viele Jahre später erlebte ich Karl-Heinrich Waggerl in Salzburg … mit der Geschichte vom Floh in der Krippe …

Die 50er Jahre, Neuötting1954

Es war ein grünes Gefühl: Die Tannenzweige, ein paar rote Kerzen, die frühen dunklen Nachmittage mit etwas Kerzenschein und heißem Tee.

Das Kripperl mit frischem Moos auspolstern, auf dem Schafe der Hirten stehen, aus dem fernen Wald im Osten holen, durch den Schnee stapfen …

Punsch am Samstag mit einer Spur Arrak, Blockflöten-Versuche und geringe Ansätze von Gesang …

Es droht der Nikolaus

unterm Tisch, unterm Kanapee verstecken: Der riesige „Heilige“kannte die Liste unserer Vergehen, sein himmlisches Strafgericht mit Bemerkungen zur Besserung entsprachen der Pädagogik der Nazis, denn unser Vater kannte nur die Ausbildung zum Schreiner-Lehrling, die in der SA und die Berufsschul-Lehrer-Ausbildung an der Münchner TU, nachdem er im Krieg im Juli 1941 verwundet worden war.

Ein Lebkuchen und Mandarinen, Nüsse aus dem Garten und erste Orangen sollten uns von Angst und Schrecken trösten, denn der Nikolaus hatte mit der Rute des Krampus gedroht, der aber draußen vor der Tür bleiben sollte,   

Knecht Ruprecht oder Habergeiß

Mit Rute, Ketten und Fellzeug, im Niederbayrischen mehr mit Stroh und im tirolerischen mit Masken, 

Der goldene Nagel in der Wand

war mir einem Morgens aufgefallen, ein paar Tage vor Heilig Abend, und die Mutter erklärte schnell, dass das Christkind und die Englein schon am Vorbereiten sind, vor dem Haus schon der grüne Christbaum, und vom Speicher kam die Schachtel mit der krippe, dem Lametta und den Kugeln.

Kindergarten und die Großmutter

Ansonsten waren die Besuche der Großeltern und der Verwandtschaft erst in den Tagen nach Weihnachten, aber einmal war Großmutter schon früher da und brachte oder holte mich zum Kindergarten. War es, als der kleine Bruder geboren worden war?

Die 60er Jahre, Altötting

Die erste Klasse beim Fräulein Göttler waren fromm geprägt, aber durchaus streng, und manch einer stand in der Ecke, sich zu schämen, allein, weil einer beim Schwätzen erwischt worden war, oder die Hausaufgaben nicht gemacht hatte.

Wer besonders brav war, hatte einen Stohhalm ins Kripperl legen dürfen, wenn er in der Schulmesse und im Rorate war, was im Advent besonders früh und feierlich mit Chor und Kerzenschein in der Kirche gestaltet war. Rorate Coeli, das Morgenrot, sollte dann auf dem Weg in die Schule zu erleben sein, „Tauet Himmel, den Gerechten“ und „Macht hoch die Tür“ waren die seltsamen Liedtexte.

Gelobt wurde grundsätzlich nicht der rothaarige Pillock … der sich ein paar Jahre später umgebracht hatte, zuerst war er noch irgend wo hin ins Heim gekommen.

Schule als Zurichtung

Der starke Jahrgang 1954: Fräulein Leichnam und Fräulein Böck übernahmen uns in der zweiten und dritten Klasse, in der ersten Klasse waren wir in einem ausgelagerten Klassenzimmer gewesen, in der Stinglhamerstraße.

Fräulein Böck erzählte manchmal, vor allem an den Freitagen, 

Beim Rektor Burger in der vierten Klasse wehte dann ein anderer Wind: Seine Strafen waren drakonisch, für andere, ich aber hatte immer aufzuschreiben, wer laut war oder seinen Platz verlassen hatte, und bekam dafür in der Pause von denjenigen meine Prügel.

Katholische Fräuleins

Der sadistische Lehrer Stangl war die Drohung der 8. Klasse, wer es bis da hin nicht in eine weiterführende Schule geschafft hatte.

Der erste Junglehrer war Günter Scholze 1966, als unser Klasslehrer länger krank war, die Kriegsauswirkungen wahrscheinlich.

Vielleicht wird das mal ein Ergänzungsband zum Ketzerbrevier, das damals darüber schnell hinweg-flog:


Ketzerbrevier eines Altöttinger Ministranten:

…denn sie wissen nicht, was Liebe ist …

Ratzinger, Erzfeind der Befreiungstheologie

Der Satan und all seine Dämonen im Vatikan: Exorzismen

Giftzwerge des Faschismus

Nachkriegskinder

Fritz Letsch: …denn sie wissen nicht, was Liebe ist
Ketzerbrevier eines Altöttinger Ministranten.
2004 ISBN 390830-48-5, 100 Seiten

Wenn ein Altöttinger Ministrant in die Pubertät kommt, sind die Irritationen schon enorm, wenn er aber50 wird und erlebt, dass der Apparat der Kirche hinter die früher wichtigen Befreiungen zurückfällt, kann er zornig werden. Das ist dem Büchlein sicher anzumerken, das die Entwicklungen vom Ministranten über das Studium der Religionspädagogik und Gemeindearbeit und ein „Comingout“ parallel zur Theologie der Befreiung nachzeichnet. Der Kampf gegen die Theologie der Befreiung war so erfolgreich, dass die Nachrichten nicht mehr ankommen. Trotzdem ist die Arbeitsweise des Theaters der Unterdrückten und der befreienden Pädagogik erhalten geblieben, sind die Methoden der Bewusstseinsbildung in alle Gesellschaftsbereiche weiter gewandert.

Autor
Fritz Letsch: Theaterarbeit zu und mit Augusto Boal (Theater der Unterdrückten) und Paulo Freire. Zahlreiche Veröffentlichungen, Netzwerk-Arbeit in Initiativen und im Freien Radio.

 

 

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