Angst als Erbe

Was immer wir in unseren Familiengeschichten finden und suchen, was immer in den Arbeitsverhältnissen und Beziehungen wider gespiegelt wird: Angst ist eine unserer wenig bewussten Steuerungen.Berg-See-Blick

Wir können viel oder wenig erben, was auf jeden Fall mit spielt: Angst.

Die Forscher suchen nach Genetik, aber die Sozialforschung hat noch viel zu wenig über die ganz normale Weitergabe in der Erziehung und im Familienverhalten, das allein schon durch Vorbild-Lernen und damit fast unkontrollierbar weiter gegeben wird.

Trauma der Familie

Was zum Trauma wird, ist vor allem die unverdauliche und unaussprechliche Einzel-Situation, denn gemeinschaftliches Verarbeiten kann schon die erste Lösung sein. Ein gemeinschaftliches und öffentliches Ereignis kann auch gemeinsam bewältigt werden, ein Geheimnis (wie zum Beispiel Missbrauch) wird zur ganz persönlichen Belastung.Starnberger See mit Trauma

Großeltern

Die Zeiten der alten Kriege waren noch öffentliche „Heldentaten“, die gemeinschaftlich verarbeitet wurden. Die Verbrechen, die in den Umfeldern passierten, die persönlichen Schuldgefühle und die nicht aussprech-baren Taten blieben an den Einzelnen haften und landen manchmal in einer gnädigen Demenz, manchmal unter Beruhigungs- und Schlafmitteln in den Altenheimen.

Eltern

Wann ist es Zeit, ein Familiengeheimnis mitzuteilen? „Das verstehst du noch nicht“ wird zur ewig bleibenden Ausrede, wenn keine „Stunde der Wahrheit“ fällig wird,weil die Familientreffen doch so schön sein sollten …Mond überm See

Tabu

Es ist nicht besprechbar, es ist nicht sichtbar, es ist meistens auch nicht bewusst.

Arbeit am Tabu, eine Faustregel für die verschwiegenen Themen unserer Gesellschaft und Kulturen
Themen der Scham und Grenzverletzungen behandeln: Ruhe schaffen und aufmerksame Teilnahme

In der langjährigen Arbeit mit dem Forumtheater entstand ein Katalog der gängigsten Tabus

Familien-Tabus

Eine Familie lebt durch ihre eigene Weiter-Erzählung: ALLES, was dabei ständig ausgeblendet wird, wider Wissen, das heißt, bewusst verschwiegen, wirkt trotzdem weiter.

Die alten Schrecknisse waren Fehlgeburt, Kindestod, natürlich auch alles wie Untreue, Seitensprung, Kuckuckskinder, die von anderen Vätern sind, Abtreibung wie Mord: Die Aufladung der Gefühle und der Moral zählen mehr als rechtliche Fragen.grauer starn

In den heutigen Familien oft nicht mehr denkbar: Die Unaussprechbarkeit von Bisexualität und Homosexualität, Veränderung des Geschlechts oder der Orientierung, – und doch fehlen den meisten Menschen bis heute dafür die passenden Worte.

Gesellschafts-Tabus

Der Daumen steht bei den Handlinien für das Ich, in meiner Faustregel für die Sexualität. Keine Lernorte, keine angenehme Sprache, aber gezielte Vermarktung und massive Personenzerstörung durch Anreizung, Moral und Schuldgefühle sind die deutlichsten Anzeichen.

Der Zeigefinger wird für das Du benutzt, in meiner Faustregel für das Thema Geld, das unsere Beziehungen bestimmt. Von den Sprüchen „Geld verdirbt die Freundschaft“ und „Über Geld spricht man nicht, Geld hat man“ bis zur Frage nach Reichtums- und Klassenunterschieden und das geistige Verbot des Wortes ‚Kapitalismus‘ ist es von Geheimniskrämerei umgeben und könnte unsere Beziehungen sehr gut offenlegen.

Der Mittelfinger ist dem Thema Religion oder auch dem Sinn des Lebens zugeordnet. Entweder das Fertigpack einer Konfession, oder die Do-it-yourself-Version von Atheismus und Freidenkern; Taufe, Initiation, Hochzeitsritus und Begräbnis inbegriffen oder nicht… ein offenes Gespräch jenseits der Vokabeln der Pfarrer ist kaum möglich.ludwix-kreuz am Landes-Trauma

Der Ringfinger ist den längerfristigen Beziehungen zugeordnet, in meiner Arbeit den Themen Krankheit, Tod, Abschied, also den Störungen dabei. Vor allem die Trauer, die Zulässigkeit tiefer Gefühle und ihr gesellschaftlicher Ausdruck sind so behindert, daß Beerdigungen und Abschiede sehr oft in peinlichen Formalismen stecken bleiben.

Der kleine Finger übernimmt die restlichen Themen von abweichendem Verhalten: Anders sein. Lesbisch oder schwul, behindert oder farbig, andersgläubig oder für eine Gesellschaft unpassend, alle Außenseiter wie auch Berühmtheiten, inbegriffen. Die Angst vor dem Fremden bleibt sprachlos und aggressiv, wird in Witzen und Unterstellungen oberflächlich abgehandelt.

Ständische Ängste

Viele Familien definieren ihre Ehre durch die Rolle in der Gemeinde, im Besitzstand und im Ansehen der Berufe. Die wechselnden Zeiten werden in der Angst nicht so recht wahrgenommen: Was gilt eigentlich noch im Ort, in der Stadt, im Kreis, – das, was der Pfarrer sagt – und welcher?

Nach ihm hatte der Bank-Berater für manche diese Rolle, verkaufte Anleihen und Krüger-Rand, Sicherheiten und Versicherungen, aber das Vertrauen ist geschwunden, nach dem klar wurde, dass es nur Produkte des eigenen Ladens sind, die angeboten werden, aber selten ethisch-ökologische Möglichkeiten, nicht einmal bei Kirchen-Banken.ludwix-wald

Die Apotheker haben nun mit den Hausärzten die Rolle übernommen, so lange alles gut geht … die unabhängigen Patienten-Beratungsstellen, aus der kritischen Medizin gewachsen, wurden neulich auf Bundesebene an einen Pharma-Konzern vergeben.

Abstieg oder Absturz?

Fast jede Familie hat Beispiele für Abstürze: Den Hof vertrunken, zum Wirt getragen, mit einer Liebe durchgebrannt, einen Todesfall nicht verarbeitet, auseinandergelebt und beieinander geblieben: Die alten Zeiten waren auch grausam.

Dann gab es oft noch die Schuld der Banken: Ewig verteuerte Kredite, bis das Haus vor lauter Hypotheken zu verscherbeln war. Keine Kommunikation im Bekanntenkreis, in der Verwandtschaft, denn Geld ist ja Tabu.

ludwix-im-Wald Trauma zugewachsen?Degrowth:

Wie wir alle absteigen können, vom hohen Ross der Gewohnheiten und des Konsumwahns?

Wir werden alle Sterben. Das ist beruhigend gemeint. Aber wie wollen wir auf unser Leben zurückblicken? Waren wir die Hütenden einer Immobilie, haben wir gelebt, was uns gereizt hat? Haben wir nur fremde Pflichten erfüllt?

Die Freiheit riechen üben

Immer, wenn die Angst aufsteigt (woher in deinem Körper?) die Luft anhalten (das tun wir fast automatisch) und dann die eigene Lust spüren: Ausatmen oder Einatmen? Weg damit oder Energie herbei, sie anzugehen?

Nun flattert mir grade mit der prozukunft der Robert-Jungk-Bibliothek Salzburg eine Besprechung des neuen Buches meines damaligen Professor Paul M. Zulehner in’s Haus: Entängstigt euch!

Besprechung folgt … auch zur 30. Zukunftswerkstatt Jahrestagung 5.-8. Mai  in der Lausitz – Frühbucherrabatt bis 30.3. verlängert.

Facebooktwittergoogle_plusredditpinterestlinkedinmail
auf Xing?