Am Freitag, den 13. Oktober 1995 startete das Projekt um 20 Uhr im großen Hörsaal beim Fachbereich Sozialwesen Pasing der Fachhochschule München. Wegen einer Bombendrohung war die S-Bahn ausgefallen, was sicher (neben der schwachen Ankündigung in der Presse) ein Grund für den mit 150 Personen eher schwachen Besuch war.
Ich eröffnete den Abend mit dem Dank an die Kooperationspartner und übergab an den Moderator Wolfgang Kreissl-Dörfler, der den Bezug zu seiner Arbeit im Europa-Parlament herstellte: Als Kenner der brasilianischen Situation berichtete er kurz vom Austausch mit verschiedenen politischen Gruppierungen, die auf ein solidarischeres Wirtschaften hinarbeiten.
In ihrer Begrüßung wies die 2. Bürgermeisterin der LH München, Frau Dr. Gertraud Burckert auf die steigende Bedeutung bewußtseins-bildenden Theaters für die Lehrerfortbildung, die Volkshochschule und die Verwirklichung der Ziele im Klimabündnis mit den Völkern Amazoniens, auch die Nord-Süd-Arbeit in den Schulen, hin.

Für den Austausch mit den Bildungswerken kam Oscar Jara aus Costa Rica zu Wort. In Mittelamerika ist er Koordinator der Nicht-Regierungs-Organisation „ALFORJA“ zu deutsch „Satteltasche“. Er stellte die Arbeit in diesem Netzwerk der Bildungswerke in Nicaragua, Panama, Mexico, Guatemala, El Salvador, Honduras Cuba und Costa Rica mit vor, die sich in ihrer Arbeit auf die Vorstellungen von Paulo Freire beziehen.
Eine Szene zu „verdächtigen Freundlichkeiten“ stellte die Methode des Forum-Theater vor, die Szene „better waiting“ aus der Flüchtlingsarbeit in Kroatien illustrierte die Anwendung der Methoden im dortigen Kontext.

Nach einer kurzen Pause schilderte Augusto Boal die Entwicklung des Theater der Unterdrückten aus der Alphabetisierung, der politischen Arbeit und der Bewusstseinsbildung in Lateinamerika. Nach ausführlichen und anschaulichen Geschichten von der Entstehung des Forum-Theaters kam der Teil über das europäische Exil bis zum heutigen Legislativen Theater im Rathaus von Rio nur sehr knapp zur Schilderung, die Runde der Gespräche geriet angesichts der fortgeschrittenen Zeit (nach 22 Uhr) sehr kurz.

Der kurzfristig eingesprungene Übersetzer hatte alle Mühe, die rasanten Erzählungen Boals gleichzeitig wiederzugeben. Da nur ein kleiner Teil der BesucherInnen nicht genügend Englisch verstand, war auf die regelmäßige Unterbrechung des Vortrags verzichtet worden.

Im Rahmen der Tagung
Anwendung des Theater der Unterdrückten in Europa“
wurden am Samstag, 14. Oktober, ebenfalls in der Fachhochschule München, Abteilung Sozialwesen in Pasing, vormittags um 9.45 Uhr und nachmittags um 14.45 Uhr nach einer Einleitung und allgemeinen Vorstellung der ReferentInnen in parallelen Workshops bis 13 bzw 18 Uhr der Gebrauch der verschiedenen Methoden in den Arbeitsbereichen der Referierenden vorgestellt und auf die Themen der Teilnehmenden angewandt.

Die ReferentInnen und ihre Arbeitsschwerpunkte:
Christine Weber aus Nürnberg spielte mit einer Gruppe Frauen exemplarische Szenen an, die an die Wurzeln der eigenen Reduzierung im Körperbild gingen.
Rainer Bungenstock von der Arbeitsstelle Weltbilder in Münster, die sich auch „Agentur für interkulturelles Lernen“ nennt, berichtete von Projekten mit Theater an der Schule und entwarf mit Teilnehmenden entsprechende Einsatz-Modelle.
Holger Ehlerding aus Dießen am Ammersee ging unter dem Titel „Nicht ganz dicht“ an irrationale Situationen aus unserem Alltag und stellte das „ganz normale Erleben“ der Theaterarbeit in der Kinder- und Jugendpsychiatrie gegenüber.
Roberto Mazzini von der „Assoziatine Giolli“ in Medesano stellte mit Hilfe der Mitarbeiterin Sandra montali aus Bozen das kollegiale Netzwerk von TheaterpädagogInnen in Italien vor und brachte in Dias und Videos Eindrücke der Arbeit mit dem „Theater of the Oppressed in social situations and in the professions of Sozial Work“ in den Bereichen Gewaltprävention und Psychiatrie, Straßenaktionen und politischer Solidarität..
Mit einer „Faustregel“ schilderte ich, Fritz Letsch aus München die Mechanismen, die bei der Arbeit an Tabus auftreten, und wie ihre besonderen Polizisten mit den Methoden Boals bewußtgemacht werden können, um von Verdrängung oder Idealisierung zu realistischem Handeln zu kommen..
Michael Wrentschur aus Wien, der auch am Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Graz arbeitet, stellte den Rahmen von Gewalt und Normen unserer öffentlichen Plätze zur Diskussion und legte im szenischen Erleben die Forderung „wir wollen den öffentlichen raum!“ anschaulich dar.

Lisa Kolb aus Wien gab mit Übungen aus der „Wurzelarbeit“ der Verbindung von Theater der Unterdrückten und Radix den Schwerpunkt, Grenzen zu erleben und Annäherung zu spüren.

Prof. Dr. Dietlinde Gipser, Hamburg ging mit dem Thema Grenzüberschreitungen: Theater der Unterdrückten an Hochschulen in Nah-Ost und West gezielt zur szenischen Erkundung der sozialen Wirklichkeit mit thematischen Schwerpunkten und berichtete über einige praktische Erfahrungen aus Kairo und aus Erfurt in Anknüpfung an das Forschungsprojekt „der brüchige Habitus“ in Hannover und Hamburg. Dabei versuchte sie aufzuzeigen, wie sich das Konzept des Theater der Unterdrückten als emanzipatorische Forschungsmethode nutzen läßt

Pap Oumar Ndiaye aus Dakar im Senegal stellte mit Unterstützung und Übersetzung durch Prof. Dr. Christel Adick von der Ruhr- Universität Bochum seine theaterpädagogischen Erfahrungen im Rahmen der nonformalen Bildungs- und Kulturarbeit im Senegal vor. Den Teilnehmenden wurde spürbar, wie Sprache und Bild-Erleben der Kulturen Fremdheit oder Vertrautheit signalisiern können.

Alwin Baumert aus Nürnberg bot Schritte an, aus der ökologischen Depression auszusteigen: Wenn die Verzweiflung in Bildern und Szenen sichtbar gemacht wird, ist auch die Kraft zur Gegenwehr leichter zu orten und zu unterstützen.

Zoran Vukic vom (Zagreber) Zentrum für kreative Arbeit berichtete mit Unterstützung und Übersetzung durch Christoph Leucht aus Berlin vom Einsatz der Theatermethoden in der Flüchtlingsarbeit in Kutina und auf der Insel Prvic in Kroatien, vor allem mit bosnischen Flüchtlingen. Bei der Arbeit in Deutschland sind Theatermethoden noch kaum üblich, auch nicht leicht zu vermitteln, aber durchaus von den Teilnehmenden in der erlebten Form als real einsetzbar eingeschätzt.

Den größten Zulauf hatte Michael Thonhauser aus Wien mit dem Thema: Theater der Unterdrückten und die Arbeit an sich selbst. Eine Einladung zu Grenzüberschreitungen. Da Boals Methoden immer wieder auf die sozialen und politischen Komponenten der Einengungen zurückführen, konnte in der Gruppe erlebt werden, daß die konsequente Auseinandersetzung mit der eigenen Person immer wieder in die gesellschaftliche Veränderungsnotwendigkeit und -möglichkeit verweist.

Der Teilnahmebeitrag für diese Gruppen war 50,–DM (xx Personen), ermäßigt 30,– (xx Personen). Die StudentInnen der FHM, fachbereich Sozialwesen (ca 30) waren beitragsfrei.
Am Abend tauschten die ReferentInnen ihre Erfahrungen mit den verschiedenen Arbeitsweisen in ihren jeweiligen Gebieten aus. Neben der Möglichkeit, je einen Workshop bei KollegInnen zu erleben, wurde dieser Bereich von allen Beteiligten als besonders hoch geschätzt.

Neben den WorkshopleiterInnen hatten hier Irmgard Demirol von der Frauen-Forum-Theatergruppe in Wien, Peter Aurin von ARCO und „SpectActulum (Mainz / Wiesbaden) sowie Nöck Gail aus dem Krativhaus Berlin Gelegenheit, ihre Einrichtungen und die spezielle Arbeit mit den Methoden des Theater der Unterdrückten vorzustellen.
Ein „Bademeister“ sorgte in seinem Gautinger „Edelschuppen“ für einen sehr anregenden Rahmen.

Oscar Jara, Bildungs-Projektkoordinator von Alforja in Mittelamerika (sein Sitz ist in Costa Rica), leitete zusammen mit Heinz Schulze von der Paulo-Freire-Gesellschaft München die zweitägige Gruppe „Systematisierung von Erfahrungen im Bereich der Basisarbeit / Bildungsarbeit“ neue Erfahrungen im Bereich der befreienden Pädagogik“ in spanisch-deutsch mit Übersetzung. Es wurde im Seminar samstags und sonntags auch von der Arbeit für den Lateinamerikanischen Rat für Erwachsenenbildung berichtet und in der Entsprechung mit den Teilnehmenden zur Systematisierung ihrer Erfahrungen in der Bildung gearbeitet.

Am Sonntag, 15. Oktober fand von 9.30 bis 13 Uhr im Institut für Jugendarbeit in Gauting der zukunftsorientierte Austausch unter den TheaterpädagogInnen statt. Nach einem Überblick zu den verschiedenen Arbeitsbedingungen in Freundeskreis, Freiberuflichkeit, Hochschule und Berufsfortbildungen stand die Frage gemeinsamer Projekte in der Zukunft im Mittelpunkt. Neben großem Informationsbedarf zu Finanzierungsmöglichkeiten über europäische Mittel kristallierte sich aber die Notwendigkeit der gemeinsamen Idee für Fortbildungen heraus.

Als gemeinsamer nächster Punkt wurde eine Tagung Juni ´96 im internationalen Tagungshaus Deinsdorf avisiert, bei der wir mit mehr Zeit und Ruhe zu Austausch und zur Konzeption gemeinsamer Projekte kommen wollen. Ein Antrag dazu ist bereits über Regenbogen Bayern auf dem Weg ins Auswärtige Amt.

Die Themen-Nummer Januar ´95 der Zeitschrift für befreiende Pädagogik zur „Anwendung des Theater der Unterdrückten in Europa“ wird ein weiterer gemeinsamer Schritt zum fachlichen Austausch sein. Alle KollegInnen sind dabei gebeten, Erfahrungen aus ihren Arbeitsfeldern beizutragen.

Die Workshops und die Fachtagung der KollegInnen mit dem Theater der Unterdrückten fanden mit Unterstützung des kirchlichen Entwicklungsdienstes statt.

Dienstag, 17. Oktober 20.30 Uhr: Forum-Theater-Abend mit Augusto Boal im Institut für Jugendarbeit des Bayr. Jugendring in Gauting mit Szenen aus dem Intensiv-Workshop, an dem 35 Teilnehmende aus der theaterpädagogischen Arbeit einem etwa 200-köpfigen Publikum (auch im Rahmen der Gautinger Theatertage) Szenen aus der fünftägigen Arbeit vorstellten. (siehe auch Pressebericht)

Ebenfalls im Institut für Jugendarbeit in Gauting war Augusto Boal am Donnerstag, 19. Oktober Gast des Hauptausschuß des Bayr. Jugendrings, dem Parlament der Jugendverbände. Für den Abschluß seiner Vorstellung des Legislativen Theater hatten wir in einer Gruppe eine Forum-Szene zur Problematik der Fortbildung Ehrenamtlicher ohne Kenntnis der Gesetzes-Situation zum Recht auf unbezahlten Urlaub (und dessen praktischer Inaanspruchnahme) erarbeitet.
Augusto Boal erläuterte den Delgierten der Jugendverbände in kurzem Abriß die Entstehung des Legislativen Theaters aus der Praxis seiner Gruppe in der politischen Situation in Rio de Janeiro, die er mit Lichtbildern zu seiner Arbeit und vom 7. Internationalen Festival des Theater der Unterdrückten 1993 in Rio illustrierte.
Den Kern bilden dabei Gruppen in Stadtteilen und thematische Gruppen (z. B. schwarze StudentInnen oder Alte Menschen, arbeitende Kinder …), die über einen gemeinsamen Rahmen von Aktivitäten untereinander und mit der „Stoffwechselgruppe“ in Kontakt stehen.
Die Projekte können dabei von direkter Intervention (Straßenkindermorde) bis zu Gesetzesvorlagen der Stadt oder des Landes (Zeugenschutz) gehen. Fritz Letsch

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